deutsche perspektiven
seit über 100 jahren.


Copyright by symlynX.


Reproduction of up to 777 bytes is authorized, provided the source is acknowledged, save where otherwise stated.

About us / Impressum


Follow us on Facebook or Twitter for new stories.

german.pages.de

Das umgekehrte Versailles



Das Wort zum Sonntag war diesmal knallhart.

Italiens Finanz- und Wirtschaftsminister Giulio Tremonti erklärte, die Situation in Europa entwickle sich zu einem „umgekehrten Versailles“ hin.

Was meint damit der Mann, auf dem die Hoffnung der wirtschaftlichen Reformen Italiens ruht? Der Superminister eines Landes, das von der Europäischen Zentralbank wie ein ertrinkendes Kind am Haarschopf knapp űber Wasser gehalten wird.

Er meinte den Versailler Vertrag von 1919, der Deutschland so schwere Reparationen fűr Kriegsschäden aufbűrdete, dass die Demokratie daran zugrunde ging und Hitler an die Macht kam. „Die Dummheiten, die damals gegen Deutschland gerichtet waren, scheinen nun in entgegengesetzter Richtung zu wirken", erläuterte Tremonti.

Folgt man seinem Gedanken, dann heisst das, dass Europa nun den Deutschen űbermässige Zahlungen entrichten műsse. Fűgt man hjnzu, dass Tremonti lautstark die von Ihm angeblich erfundenen Eurobonds fordert, so wird klar, dass er Deutschland in die Mithaftung fűr die Schulden der Sűdländer zwingen will, damit sie weiterhin ihre kreative Haushaltsfűhrung betreiben können, ohne Schulden abbauen zu műssen.

Vielleicht meinte Tremonti auch nur, dass die Schuldenkrise der Sűdländer Deutschland eine Hegemonie in Europa verschafft, die es vor Versailles besessen habe.

Man mag dies als populistische Stimmungsmache verstehen, als Versuch, Deutschland als Blutsauger darzustellen und damit eine bequeme Erklärung fűr das italienische Schuldendebakel zu liefern.

Wenn eine solche Äusserung von einem griechischen Provinzpolitiker käme, wűrde man sich nicht wundern. Aber von Professor Tremonti, dem Hoffnungsträger Italiens und international angesehenen Rivalen von Premier Berlusconi schockiert eine Aussage dieser Art. Wenn Tremonti solches nicht nur denkt, sondern sogar sagt, was kann man dann von der Masse der anderen Sűdlandbewohner erwarten?

Erfreulicherweise gibt es auch andere Stimmen. Etwa die von Emma Marcegaglia, der Chefin des italienischen Industrieverbands Confindustria, die eine umfassende Reform Italiens an Stelle von Tremontis "Stűckwerk" forderte.

Tweet this
Digg this
Flattr this
Stumble upon this
Make this delicious
Share this on Facebook



—— Benedikt Brenner